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Adieu, globales Dorf

März 23, 2011

Als der Begründer der Medientheorie Herbert Marshall McLuhan 1962 den Begriff vom globalen Dorf prägte, war (zumindest die digitale) Welt wohl noch in Ordnung. Auch wenn McLuhan dem globalen Dorf kritisch gegenüber stand und vor den Gefahren einer aufgegebenen Individualität sprach, stand und steht dieser Begriff immer mehr für ein positives Zusammenwachsen der Menschheit über geographische und kulturelle Grenzen hinweg. Die elektronische Vernetzung ermöglicht es jedem einzelnen an der großen, weiten Welt ganz direkt aus dem eigenen Wohnzimmer heraus teilzuhaben. Um Kontakte und Freundschaften aufzubauen sind nicht mehr langwierige Reisen oder ein langsamer Briefwechsel nötig, vor allem dank dem Internet geht das direkt, schnell und global mit ein paar Mausklicks.

Das gilt gerade und ganz besonders dann, wenn Katastrophen über einen Teil der realen Welt hereinbrechen. Dann glühen die Leitungen, ein Twitter-Orkan bricht los und stürmt ungebremst und ungefiltert durch das Internet. So geschehen im Fall des arabischen Frühlings – auch wenn der ein oder andere Despot versuchte genau das zu unterbinden – und eben im Fall des Tsunami und der damit verbundenen Atom-Katastrophe in Fukushima. Das globale Dorf ist immer informiert, in Echtzeit.

Im globalen Dorf gibt es aber, wie in jedem anderen Dorf auch, einen oder mehrere Dorftrottel. Meist sind das liebenswürdige, einfach gestrickte Zeitgenossen, mit denen man wunderbar auskommen kann, die Spaß verstehen und gelegentlich in der (virtuellen) Dorfschenke ein Bierchen zischen und es sich grundsätzlich gut gehen lassen. Manchmal entwickeln sie sich aber zu nervigen, tumben und ignoranten Idioten. Diese Idioten lassen sich dann zu Aussagen herab wie „Fukushima ist die späte Rasche für Pearl Harbour“ (und vergessen dabei ganz nebenbei die grausam geübte Rache der USA durch den Abwurf zweier Atombomben über Hiroshima and Nagasaki). Der anti3anti-Blog hat ein paar (ironische?) Zeilen über Fukushima verloren… Genauso spannend wie die Pearl-Harbour-Ignoranten, sind die militanten Tierschützer, die im Tsunami eine Vergeltung der Wale und Delphine beobachten oder die UCLA Studentin, die sich über schockierte Asiaten in der Uni-Bibliothek aufregt (und völlig respektlos beschimpft).

Dazu fällt einem ja erstmal wenig ein. Das globale Dorf hat offensichtlich ganz dringend einen städtischen Anstrich nötig. Dieses Klein-Klein im ganz großen Kontext ist unerträglich. Die Strukturen der Social Media Netzwerke führen dazu, dass sich jeder im Endeffekt doch wieder nur in seinem kleinen Dorf bewegt und bemitleidenswerte Statements lebt wie: „Ich diskutiere nicht, ich sage meine Meinung.“ (Quelle: SPON).

Zum Glück kann man sich wenigstens sein globalen Dorf etwas aussuchen…

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