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Jehova! Jehova!

Januar 16, 2011

Völlig im Nebel verschiedener Gedankenstränge stehe ich auf der samstäglichen Kaiserstraße und versuche eine Auswahl zu treffen und die Frage zu beantworten, warum ich eben die Gratis-Waffel, auf die mich die hübsche Promoterin vor dem O²-Laden einladen wollte, abgelehnt hatte.  Eigentlich brauchte ich eine hübsche Karte mit irgendeinem frechen Spruch zum Thema „Gute Besserung“. Aber alles was der Kartenständer dazu hergab, impliziert leider mehr oder weniger direkt, dass ich dem, von einer Grippe niedergestreckten Mädel direkt an die Wäsche will oder sonstige, vielleicht etwas noblere, romantische Absichten hege. Kurz, der ganze kitschige Mist hat sich gerade komplett disqualifiziert, als ich von einem durchaus bemerkenswert klassischen Hutzelweibchen angequatscht werde. Völlig perplex von dieser Erscheinung, die in mir direkte Assoziationen mit den Bildern älterer Damen aus altbekannten Kindermärchen erweckt hat, brauchte ich eine Sekunde, um mich von dem Karten-Dilemma ab- und ihrer Frage zuzuwenden. Als ich endlich klar im Kopf werde, registrierte ich eine Zeitschrift in der Hand des Weibchens. Offensichtlich hegte sie den Wunsch, ich möge diese an mich nehmen. Ich weiß nicht, ob es das zahnlose Lächeln war, oder der leicht unterwürfige Ausdruck ihrer Augen… mein kritischer Blick auf den Titel führte zu einer dankenden Ablehnung. Wachtürme stehen meiner Meinung nach in der Landschaft rum und haben eine passive Schutzfunktion. Sie quatschen keine Leute in der Fußgängerzone an. Das Hutzelchen aber, war wohl höfliche Ablehnungen gewohnt und keineswegs gewillt, meine, in Ihren Augen so offensichtlich tief verletzte, verlorene und orientierunglose Seele einfach dem Satan zu überlassen, oh nein!

Hutzelchen: Ja… darf ich Sie da doch nochmal kurz was fragen, ich möchte Ihnen da gerne etwas erzählen.
verwackelts: *kritischer Blick* <Anm. der Redaktion: wohl nicht kritisch genug >
Hutzelchen: Ja… sie kennen das ja, mit der Religion und die Welt ist so schön… und alles hat einen Schöpfer… der Mensch *bla* *bla* *bla*… und…
verwackelts: Ähm, ich glaube Sie sind bei mir völlig falsch.
Hutzelchen: Ja… *entsetzter Blick* … lesen Sie denn nicht mehr in der Bibel?
verwackelts: Nein.
Hutzelchen: Ja aber warum denn nicht, das Buch der Bücher… alle Weisheiten… alles erklärt… ist es wegen der Kirche? Ich bin selbst vor 50 Jahre ausgetreten, besitze aber vier verschiedene Bibeln und…
verwackelts: Nein, nicht wegen der Kirche. Ich bin mathematischer Agnostiker.
Hutzelchen: *irritierter Blick*
Szene In ihrem Gesicht spiegelt sich ein kurzer, ratloser Moment. Agnostik… ein unbekanntes Fremdwort… von einer verlorenen Seele, aber offensichtlich in religiösem Kontext… es dauert nur Bruchteile einer Sekunde, da ist sie wieder auf Kurs:
Hutzelchen: Wissen Sie, die Welt ist ja von Gott geschaffen und alle Dinge darauf…
verwackelts: Wir kürzen das jetzt mal ab, ok? Ich fange an, an Gott zu glauben, wenn Sie mir seine Existenz mathematisch formal beweisen können. Solange das nicht geht, akzeptiere ich, dass ich keinen Gegenbeweis habe, halte das aber im wesentlichen für irrelevant für mein/das Leben… und ich verspreche Ihnen, ich werde nicht versuchen Sie von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen.
Hutzelchen: *ENTSETZEN* Oh meine Güte, was hat Sie denn auf dieser Welt so verletzt, dass Sie Gott nicht erkennen können. Sie werden nicht zu den Erretetten gehören, wenn diese Erde demnächst dem Untergang geweiht ist. Was ist nur mit Ihnen passiert?
verwackelts: Gar nichts, ich bin nur nicht bereit mich von einem so oft missbrauchten Mythos einlullen zu lassen. Ich bin in diesem Kontext frei von einer massenkompatiblen Meinung und Haltung und damit geht es mir gut.
Hutzelchen: Ach ach ach…
verwackelts: Und ganz abgesehen von Religion im Allgemeinen habe ich ein spezielles Problem mit den Thesen, Mythen und Verdrehungen, die sie in diesen Werken *Fingerzeig auf Wachturm* propagieren. Ihre Sicht der Dinge, insbesondere in Punkto Familie, Sexualität und Gesellschaft sind gelinde gesagt nicht kompatibel mit einem funktionierenden Gehirn.
Hutzelchen: *verlorener Blick* <Anmerkung der Redaktion: Gibt sie auf?> Ach wissen Sie was, Sie verlorener Sohn, ich wünsche Ihnen alles erdenkliche Gute auf dieser Welt.
verwackelts: Dankeschön, das wünsche ich Ihnen ebenfalls.
Szene Hutzelchen dreht seufzend ab, die verlorene Seele wiegt schwer auf ihrer persönlichen Statistik. Aber was soll man tun, man kann ja nicht alle retten, außerdem ist das Paradies eh schon überfüllt…

Ach ja, die hübsche Promoterin hätte ja vermutlich, draußen vor dem Laden bleiben und weitere Waffelhungrige anlocken müssen… während ich beim hypothetischen Waffelgenuß wohl in die wenig erfreuliche Situation gebracht worden wäre, mich von einem etwas untersetzen Handyverkäufer unterhalten zu lassen… … ich betrete den Schreibwarenladen, im Augenwinkel nehme ich noch wahr, wie sich das Hutzelweibchen an die Waffel-Promoterin ran macht. Beide scheinen sich irgendwie zu freuen. Die Waffel-Promoterin darüber, dass endlich mal jemand nicht sofort wegläuft und Hutzelchen hat jemanden gefunden, der nicht weglaufen darf. Zuhören möchte ich nicht… irgendwie glaube ich aber, dass Hutzelchen an den Waffeln nicht so besonders interessiert war und die Promoterin hielt ihre Prospekte erstaunlich fest mit beiden Händen umklammert… Auf der Suche bin ich schon längst nicht mehr, ich werde jetzt einfach eine passende Karte basteln. Ein Freigeist sollte Botschaften, die er in der Welt verbreitet selbst verfassen. Bleiben wir ein Original.

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